Projekt 8

Mobilspiele in Zürich regen zur spielerischen Auseinandersetzung mit dem Thema Mobilität und öffentlicher Raum an (Foto: Tiefbauamt der Stadt Zürich)
Mobilspiele in Zürich (Foto: Tiefbauamt der Stadt Zürich)

Projekttitel

“Nahversorgung und Nahmobilität – Ohne Auto einkaufen”
Forschungsprojekt (im Rahmen des Experimentellen Wohnungs- und Städtebaus – ExWoSt)zu Wechselwirkung von Nahversorgung und Nahmobilität und Ableitung von Konzeptbausteinen


_Durchführung
Susann Liepe unter Federführung des Büros für Integrierte Planung Berlin
_Auftraggeber & Ansprechpartner
Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR), Deichmanns Aue 31-37, 53179 Bonn;
Thomas Wehmeier, Tel.: 0228.99 401 12 35,
E-Mail: thomas.wehmeier@bbr.bund.de
_Projektzeitraum und -gebiet
2009 – 2011, Deutschland, Modellkommunen Leipzig, Lemgo, Wolfsburg
_Projektziele
In der Studie sollten folgende Fragen beantwortet werden:
_Welche Zusammenhänge zwischen Siedlungsstruktur, Nahversorgungsangebot sowie Mobilitäts- und Einkaufsverhalten sind handlungsrelevant?
_Lassen sich mit verbesserten Rahmenbedingungen der Nahmobilität neue Potenziale zur Sicherung der Nahvesorgung erschließen?
_Lässt sich mit verbesserter Nahversorgung die Nahmobilität stärken?
_Welche Steuerungskompetenzen und Stellschrauben haben die Kommunen zur Sicherung der Nahversorgung und Nahmobilität?
_Leistungen
Auf der Basis zweier Datensätze wurde das Verkehrsverhalten bei Einkaufszwecken quantitativ untersucht. Es wurden gute Beispiele recherchiert und übertragbare Lösungsansätze identifiziert. Aus beiden Bausteinen wurden fördernde und hemmende Faktoren zur Sicherung der Nahversorgung und Nahmobilität abgeleitet. In drei Modellkommunen (Leipzig, Lemgo, Wolfsburg) wurden die Lösungsansätze in der Praxis getestet und mit Bewohnern und professionellen Akteuren vor Ort diskutiert.
_Ergebnisse & Erkenntnisse
Das wichtigste Ergebnis der Studie ist, dass der Zusammenhang zwischen Nahversorgung und Verkehr stärker ist, als allgemein angenommen:
Eine gute Nahversorgung kann Verkehr sparen. Eine gute Ausstattung mit Geschäften zur Deckung des täglichen und periodischen Bedarfs in zu Fuß erreichbarer Entfernung erhöht den Anteil nicht-motorisiert zurückgelegter Wege, vermeidet Pkw-Verkehr, verkürzt die zurückgelegten Distanzen und erhöht die Zufriedenheit der Bevölkerung im Quartier erheblich. Dies gilt auch für Personen mit uneingeschränktem Zugang zum Pkw.

Die Raum- und Siedlungsstruktur bestimmt das Einkaufs- und Mobilitätsverhalten. Der Einfluss der Siedlungsstruktur auf die Verkehrsmittelwahl, die zurückgelegten Wegelängen und den Verkehrsaufwand ist dominant. Mit abnehmender Gemeindegröße nehmen die Länge der Einkaufswege sowie die Nutzung des MIV signifikant zu. Innerhalb von Gemeinden sind Einkaufswege an Standorten guter nahräumlicher Erreichbarkeit gravierend kürzer als andernorts und werden häufiger zu Fuß zurückgelegt. Die Qualität des Nahversorgungsangebotes hat einen wichtigen Einfluss auf die nahräumliche Orientierung. Ein qualitativ differenziertes Nahversorgungsangebot bestimmt das Einkaufen zu Fuß oder mit dem Fahrrad maßgeblich.
Die Distanzschwellen für den Einkauf zu Fuß sind niedrig. Bis zu einer Wegelänge von 200 m werden rund 90 % der Einkaufswege zu Fuß gegangen. Eine markante Distanzschwelle für das Gehen zu Fuß liegt bei Pkw-Besitzern bei rund 400 m. Dies wird bis etwa 800 m teilweise vom Fahrrad aufgefangen. Ab 800 m nimmt der Anteil des MIV beim Einkauf stark zu. Isolierte Angebote (etwa ein Supermarkt) stützen die Nahversorgung, tragen aber deutlich weniger zu einer nahräumlichen Orientierung bei als eine vielfältige Ausstattung.

Als Tragfähigkeitsuntergrenze von Lebensmittelmärkten fordern die Expansionsabteilungen der Handelsketten heute i.d.R. mehr als 5.000 Einwohner. Dort, wo sich der klassische Einzelhandel zurückgezogen hat, haben alternative Betreibermodelle der Nahversorgung (DORV Zentren, CAP-Märkte, MarktTreff etc.) eine Chance. Kleinflächenkonzepte können in verdichteten Gebieten von Kommunen ab ca. 100.000 Einwohnern Lücken im Versorgungsnetz schließen. Große Lebensmittelhändler planen in den kommenden Jahren eine Ausdehnung solcher Konzepte.

Für die kommunale Steuerung der Nahversorgung und die Sicherung städtebaulich gewünschter Zentren hat sich die Aufstellung und konsequente Umsetzung von Einzelhandels- und Zentrenkonzepten bewährt. All diese Instrumente können ihre Wirkung jedoch nur dann entfalten, wenn die Kommunalpolitik ihre eigenen Beschlüsse respektiert und diese konsequent umgesetzt.

_Weiterführende Informationen
Bauer, Uta / Liepe, Susann / Scheiner, Joachim (2011): Zu Fuß und mit dem Fahrrad einkaufen – kommunale Handlungsstrategien.
In: Bracher, Tilman / Haag, Martin / Holzapfel, Helmut / Kiepe, Folkert / Lehmbrock, Michael / Reutter, Ulrike (Hrsg.): Handbuch der kommunalen Verkehrsplanung.
Berlin: Wichmann. Kap. 2.4.3.2 (61. Ergänzungslieferung 8/11).

Scheiner, Joachim (2011): Zielwahl und Verkehrsmittelnutzung im Einkaufsverkehr – Verkehrserzeugung von Einkaufszentren.
In: Bracher, Tilman / Haag, Martin / Holzapfel, Helmut / Kiepe, Folkert / Lehmbrock, Michael / Reutter, Ulrike (Hrsg.): Handbuch der kommunalen Verkehrsplanung.
Berlin: Wichmann. Kap. 2.2.1.10 (60. Ergänzungslieferung 4/11).

Bauer, Uta / Scheiner, Joachim / Liepe, Susanne / Jung, Silke / Günthner, Stephan (2011): Nahversorgung und Nahmobilität: Verkehrsverhalten und Zufriedenheit. BMVBS-Online-Publikation 08/2011.
Berlin: BMVBS.
www.bbsr.bund.de

Bauer, Uta / Liepe, Susann / Scheiner, Joachim (2010): Nahmobilität beim Einkauf. Verkehrswege sparen durch gute Nahversorgung.
In: PlanerIn 4/2010, S. 17-20.

BMVBS (Hrsg., 2011): Ohne Auto einkaufen. Nahversorgung und Nahmobilität in der Praxis.
Werkstatt: Praxis Heft 76, Berlin 2011.
www.bbsr.bund.de/pdf

_Fotos & Beschreibungen

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